Lösung bei Leseproblemen: bitte in den Ferien üben – Echt?
Neulich war ein Kind bei mir im Lesekurs.
Die Schule hatte aufgrund der anhaltenden Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben eine ganze Reihe von Aufgaben für die Ferien mitgegeben. Dazu gehörte sogar eine differenzierte Analyse, welche Schwierigkeiten konkret vorliegen.
Und an dieser Stelle möchte ich ausdrücklich sagen: Das finde ich gut.
Denn genau dieses genaue Hinschauen ist wichtig. Nicht einfach zu sagen: „Das Kind kann noch nicht gut lesen, also muss es mehr üben“, sondern zu überlegen, wo die Schwierigkeiten tatsächlich liegen.
Trotzdem blieb bei mir eine Frage:
Was soll sich durch die Ferienaufgaben eigentlich verändern?
Denn wenn ein Kind seit zwei Jahren mit einer bestimmten Methode arbeitet und damit nur wenig Fortschritte macht, ist es aus meiner Sicht wenig erfolgversprechend, genau diese Methode in den Ferien einfach weiterzuführen.
Mehr Übung ist nicht automatisch die richtige Lösung.
Manchmal müssen wir einen Schritt zurückgehen
Im Lesekurs habe ich bei diesem Kind unter anderem die auditive Verarbeitung angeschaut.
Dabei zeigte sich, dass die Verarbeitung von Sprachlauten deutlich erschwert war. Die Unterscheidung bestimmter Vokale und einzelner Konsonanten fiel schwer.
Das ist für das Lesenlernen natürlich interessant.
Denn bevor ein Kind einen Buchstaben sicher mit einem Laut verbinden kann, muss es diesen Laut überhaupt zuverlässig wahrnehmen und von anderen Lauten unterscheiden können.
Wenn diese Grundlage Schwierigkeiten macht, können noch so viele Arbeitsblätter vor dem Kind liegen. Das Gehirn kann nur mit dem arbeiten, was ihm zur Verfügung steht.
Und das Spannende an diesem Fall war:
Diese Schwierigkeit beim Hören war bisher überhaupt nicht aufgefallen. Das Kind kann nicht einfach „mehr üben.“
Das bringt mich zu einer Frage, die ich bei Lese- und Schreibproblemen immer wieder wichtig finde:
Was genau soll das Kind eigentlich üben?
Natürlich brauchen Kinder Übung. Lesen wird nicht ohne Übung sicher.
Aber Übung ist nur dann sinnvoll, wenn wir wissen, an welcher Stelle wir ansetzen müssen.
Wenn ein Kind einen Laut nicht sicher unterscheiden kann, können wir ihm noch so viele Aufgaben zur Laut-Buchstaben-Zuordnung geben. Vielleicht braucht es zunächst etwas anderes.
Wenn die Verarbeitung von Sprache Schwierigkeiten macht, muss vielleicht erst diese Grundlage gezielt angeschaut und unterstützt werden.
Und wenn ein Kind beim Lesen ständig scheitert, lohnt sich auch ein Blick auf andere Bereiche: Wie sieht die Wahrnehmung aus? Wie funktioniert die Verarbeitung von Informationen? Gibt es motorische Auffälligkeiten? Wie kann sich das Kind konzentrieren und selbst steuern? Welche Erfahrungen hat es bisher mit Lernen gemacht?
Nicht jede Auffälligkeit ist automatisch die Ursache für eine Lese- oder Schreibschwierigkeit.
Aber sie kann ein Puzzleteil sein.
Und manchmal fehlt genau dieses Puzzleteil, damit wir verstehen, warum eine bisherige Förderung nicht richtig greifen konnte.
Nicht nur auf die Fehler schauen
Ich erlebe häufig, dass bei Kindern mit Leseproblemen sehr schnell der Blick auf das gerichtet wird, was nicht funktioniert.
- Welche Buchstaben werden vertauscht?
- Welche Wörter werden ausgelassen?
- Wie viele Fehler werden gemacht?
- Wie langsam liest das Kind?
- Wie viele Wörter schafft es in einer Minute?
Diese Informationen können wichtig sein. Aber sie erzählen noch nicht die ganze Geschichte.
Mich interessiert deshalb mindestens genauso:
Was kann das Kind eigentlich gut?
- Wo erlebt es sich als kompetent?
- Was interessiert es?
- Was macht ihm Freude?
- Wann lernt es leicht?
- Und vor allem: Wie fühlt es sich inzwischen selbst als Lerner?
Denn ein Kind, das über Jahre immer wieder erlebt, dass es beim Lesen und Schreiben hinter anderen zurückbleibt, entwickelt irgendwann nicht selten eine sehr feste Überzeugung:
„Ich kann das einfach nicht.“ Das ist ein Satz, den ich nicht einfach hinnehmen möchte.
Lernen braucht mehr als Arbeitsblätter
Gerade deshalb finde ich den Gedanken einer entspannten Schulzeit so wichtig. Nicht, weil Schule immer entspannt sein muss. Und auch nicht, weil Kinder keine Anstrengung aushalten sollten.
Sondern weil Lernen unter dauerhaftem Druck schwierig wird.
Ein Kind, das jeden Nachmittag mit zusätzlichen Aufgaben konfrontiert wird, weil es in der Schule ohnehin schon Schwierigkeiten hat, bekommt möglicherweise immer wieder dieselbe Botschaft:
Du bist noch nicht gut genug. Du musst noch mehr machen.
Dabei wäre manchmal eine andere Botschaft viel hilfreicher: Wir schauen erst einmal, was du brauchst. Das verändert die Perspektive. Das Kind wird nicht zum Problem.
Die Schwierigkeit wird zum Problem – und gemeinsam suchen wir nach einem Weg, damit umzugehen.
Und dann sind da noch die Ferien …
Ich bin nicht grundsätzlich gegen Ferienaufgaben. Aber ich finde, wir sollten uns jedes Mal fragen, ob sie für dieses Kind wirklich sinnvoll sind.
- Was soll durch diese Aufgaben besser werden?
- Wurde herausgefunden, warum das Kind Schwierigkeiten hat?
- Passt die Förderung zu diesem Kind?
- Oder wird einfach das wiederholt, was bisher schon nicht ausreichend funktioniert hat?
Und vielleicht brauchen Ferien manchmal auch etwas ganz anderes. Ein gutes Buch, das sich das Kind selbst aussuchen darf.
- Gemeinsames Lesen, ohne abzufragen, ob jedes Wort richtig gelesen wurde.
- Geschichten hören.
- Spielen.
- Bewegung.
- Erfolgserlebnisse.
- Zeit mit der Familie.
- Und vor allem: einmal nicht ständig das Gefühl haben, an etwas arbeiten zu müssen, das einem ohnehin schwerfällt.
Auch das kann eine wichtige Grundlage dafür sein, dass Lernen wieder leichter wird.
Erst die Basis, dann die nächste Aufgabe
Was nehme ich aus diesem Fall mit?
Für mich zeigt er einmal mehr, wie wichtig es ist, bei anhaltenden Schwierigkeiten nicht einfach immer mehr vom Gleichen zu machen.
Wenn etwas über längere Zeit nicht funktioniert, sollten wir genauer hinschauen.
Nicht nur auf die Leistung. Nicht nur auf die Fehler. Und nicht nur auf das, was das Kind noch alles üben soll. Sondern auf das Kind als Ganzes.
- Welche Voraussetzungen sind da?
- Welche fehlen vielleicht noch?
- Wo liegen die tatsächlichen Schwierigkeiten?
- Und was braucht dieses Kind, damit die nächste Lernstufe überhaupt erreichbar wird?
Denn manchmal ist die Lösung tatsächlich: mehr üben. Manchmal ist die Lösung aber auch: anders üben.
Und manchmal müssen wir zunächst ganz woanders anfangen.
Deshalb wünsche ich mir, dass wir bei Lese- und Schreibproblemen häufiger den Mut haben, einen Schritt zurückzugehen. Nicht, um Zeit zu verlieren. Sondern um endlich herauszufinden, wo wir wirklich ansetzen müssen. Denn bevor wir einem Kind die nächste Aufgabe geben, sollten wir uns eine einfache Frage stellen:
Was braucht dieses Kind gerade, damit Lernen gelingen kann?
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Aufgabe, die wir ihm mit in die Ferien geben können.
Nicht noch mehr Arbeitsblätter. Sondern die Erfahrung: Ich kann lernen. Ich darf meinen eigenen Weg gehen. Und Erwachsene helfen mir dabei herauszufinden, was ich dafür brauche.
